Bilstein Marathon am 12.04.2015 / Flach ist anders

Termin Mitte bis Ende April, nicht weiter als 350 km von Hamburg, schöne Landschaft, möglichst wenig Straße, dafür möglichst viele Höhenmeter - das waren meine Suchkriterien für den nächsten "großen" Wettkampf nach meinem Herbstmarathon 2014.

Dank der praktischen Suchfunktion auf runme.de (Wettkampf-Themen => Trails & Cross!) war der Entschluss schnell gefasst: Der Bilstein Marathon im beschaulichen Witzenhausen-Kleinalmerode im nordhessischen Kaufunger Wald am 12. April 2015 sollte es sein.



Zum fünften Mal stellten die Macher von sport4you e.V. dieses tolle Event mit Hilfe sämtlicher Vereine, Gruppen und sonstiger junger wie alter Bewohner des Ortes auf die Beine. Dabei zählte Klasse statt Masse.

Die von allen Seiten gelobte familiäre Atmosphäre kam sicher vor allem durch die Begrenzung auf insgesamt 500 Teilnehmer in den Wettbewerben BiMa 42, BiMa 21, BiMa 42 Wandern und BiMa 58+ Ultra Trail zustande.

Mehr hätte das Dörfchen mit seinen gerade mal 863 Einwohnern platzmäßig wahrscheinlich auch gar nicht verkraftet. Trotz (oder gerade wegen) des kleineres Rahmens blieben rund um die Veranstaltung für mich keine Wünsche offen.

Ein erstes Highlight war schon die Pasta-Party im Kleinalmeröder Dorfgemeinschaftshaus am Vorabend. Alle Plätze im Raum waren über die zwei Stunden besetzt, einige mussten an Stehtischen essen. Ich war dreimal am Buffet (Spaghetti, Tortellini oder Lasagne? Gemüseauflauf oder Salat?) und konnte doch nicht alles probieren.

Dazu eine Lauffreundin aus Ostfriesland (sah den Marathon als Training für den Rennsteig-Ultra im Mai), eine Wanderin, die sonst auch schonmal 100 km Strecken bewältigt ("da ist man dann eben mal so 22, 23 Stunden unterwegs") und ein 22-jähriger Ultrastarter (so fokussiert war ICH in dem Alter auf jeden Fall noch nicht) als nette Sitznachbarn.

Im Anschluss ans Essen hielt Klaus Neumann vom 100 Marathon Club einen Vortrag zum weltgrößten Ultralauf, dem "Comrades" in Südafrika, den er im Juni 2014 gefinisht hatte. Ich glaube, zum 20. Mal. Gänsehaut, das sind für mich unvorstellbare Welten.

Am Sonntagmorgen waren um halb acht bereits die Wanderer und um halb neun die Ultras nach Grußworten der Witzenhäuser Bürgermeisterin Angela Fischer und Ihrer Majestät, Kirschenkönigin Saskia I., auf die lange Reise geschickt worden.

Wir "normalen" Marathonis durften ein bisschen länger schlafen, um 10 Uhr begann unsere Uhr zu laufen. Die Teilnehmer des Halbmarathons gingen dann um 10.30 Uhr an den Start. Ich muss sagen, diese Startzeit-einteilung habe ich als wirklich positiv empfunden, denn dadurch war man auf der ja doch recht langen Strecke nie ganz alleine.

Zunächst galt es für die Marathonis und Ultras, den in nordöstlicher Richtung liegenden, bewaldeten Rodeberg zu umrunden. Nach der Runde näherte man sich wieder Kleinalmerode und im offenen Gelände war schon die markante Erhebung des Bilsteins erblicken, vor dessen Eroberung der liebe Gott (oder doch die Veranstalter) jedoch noch einigen Schweiß und Kilometer gestellt hatten.

Und auch der "Werbeslogan" der Veranstaltung stellte sich eher als harte Realität denn als heiße Luft heraus: "Flach ist anders", auf jeden Fall beim Abstecher ins Buchholz mit serpentinenartigen, schon ziemlich harten Anstiegen auf schmalen, wurzelübersäten Pfaden und fiesen Treppenab- und aufgängen vor beeindruckenden Felsen, der seinen Abschluss auf einem Acker fand.

Im Anschluss an das ca. 12 km lange Warmup-Stück folgte der weitaus längere und anspruchsvollere Strecken-abschnitt durch den Kaufunger Wald südlich von Kleinalmerode. Zuvor gab es aber noch eine Stärkung an einer der sieben reichlich ausgestatteten Verpflegungsstationen (eine wurde zweimal angelaufen). Läufer und Wanderer teilten sich danach den sonnenbeschienenen Waldweg, immer der Nase nach, immer bergauf.

Bei km 18, am so genannten Umschwang, war ein weiterer Versorgungsstand aufgebaut, dann überquerten wir die Landstraße Nieste - Kleinalmerode, um nach ein paar hundert Metern endlich die komfortable Waldautobahn zu verlassen.

Ein Pfeil nach rechts, und ab ging's ins Unterholz, wo die Rote Niestequelle vor sich hin plätscherte. Auf der anderen Seite ging es gleich richtig ungemütlich weiter: Kein wirklicher Weg zu erkennen, Steine und Wurzeln (zum Teil und zum Glück für die bessere Erkennbarkeit mit Neonfarben besprüht), immer schön auf und ab.

Wer noch ein Auge und die Puste dafür hatte, konnte auch die beschauliche Umgebung mit den Steinbergseen und einer einsamen Wanderhütte genießen. Ich persönlich habe nur einen kurzen Blick darauf geworfen.

Jetzt galt es Luftholen und Kraftschöpfen auf einem kürzeren, etwas flacheren Teilstück, nochmal Energien freisetzen für den Anstieg zum Bilstein, der mit 635 m über NN bei km 29 den Höhepunkt des Rennens darstellte. Wobei, Rennen war da eindeutig zu groß gesprochen.

Im langsamsten Laufschritt habe ich mich zusammen mit einem anderen Teilnehmer gen Bilstein bewegt, mal hat er gezogen, mal ich. Solche  MAB (einem Marathonabschnittsbegleiter) sind eine gute Taktik für lange Distanzen, finde ich, und man kann auch sehr nette Menschen dabei kennenlernen.

Als endlich der Wegweiser "Bilstein-Turm 600 m" auftauchte, wurde der Weg nochmal steiler und wieder grober geschottert - zügiges Stapfen war da noch zu bewerkstelligen. Als der Turm zu sehen war, rückte auch der kurz davor plazierte Musikzug Kleinalmerode ins Blickfeld. Die Mitglieder hatten jedoch gerade ihre Instrumente sinken lassen - um auch in den Genuss der musikalische Beschallung zu kommen, rief ich ihnen zu: "Extra für Euch!",  und versetzte meine müden Beine wieder in Trab. Es gab dann auch einen Tusch für mich, sehr schön und auch motivierend.

Noch wohler taten mir dann aber die kühlen Getränke, kleine Salzbrezeln und Müsliriegel-Stücke am Versorgungsstand vorm Turm. Wie gerne hätte sich wohl so mancher zu den Gästen an einen der Tische da oben gesetzt, den Ausblick ins sonnige Meißerland genossen, aber wie hätte man dann wieder hochkommen sollen?

So ging es dann gleich an den Abstieg, dessen erste 100 Meter - wie angekündigt - definitiv unter die Kategorie „böse“ fielen. Es folgte ein knapp 8 km langer, fast beständiger, jedoch nicht wirklich erholsamer Bergablauf durch den nach Norden führenden Wald. Nach dessen Verlassen und einer weiteren Verpflegungsstation lagen vor den Wanderern und Läufern noch etwas unter 6 km, die an Roßbach vorbei durch die Wacholderheide führten.

Zum Glück gesellte sich rechtzeitig vor den - gemäß Ausschreibung  - „kleinen, aber fetzigen Anstiegen" in der Schlussetappe eine Läuferin zu mir, die ich beim Röntgen Marathon im letzten Jahr schonmal getroffen hatte (und die damals zwei Minuten eher im Ziel gewesen war als ich - diesmal sollte ich am Ende ein bisschen schneller sein). Geteiltes Leid ist schließlich halbes Leid.

Beim Durchlaufen der Wacholderheide hatten sicher die meisten von uns keine Muße, einen Blick auf Roßbach zu werfen, denn die schmalen, abschüssigen Pfade quer zum Hang erforderten volle Aufmerksamkeit. Aber egal, jetzt war das Ziel wirklich nicht mehr weit entfernt. Der von weitem hörbare Zielsprecher begrüßte jeden Finisher mit Namen; eine Rechtskurve führte in den Zielkanal hinein, wo man per Handschlag begrüßt wurde. Ich bekam, wie jeder Teilnehmer, eine Medaille umgehängt und freute mich über einen 4. Platz bei den Frauen in 4:37 Std.

Ich könnte jetzt noch eine ganze Weile weiterberichten: über den Hochbetrieb auf dem Dorfplatz vorm Gemeinschaftshaus, die gemeinsame Freude am Erreichten aller Teilnehmer, die gegenseitigen Gratulationen, das RIESIGE Kuchenbuffet - ich habe 60 verschiedene Kuchen gezählt - oder auch über die Wahnsinnsleistung des Ultra-Gewinners - Benjamin Sperl von den Asics Frontrunners schaffte die 58 km in 4:22 Std!

... aber ich glaube, ihr solltet am besten alle selbst mal dahin fahren. Ins hübsche Dörfchen Kleinalmerode. Am 17. April 2016 steigt der nächste BiMa - ich glaube, ich bin wieder dabei.

VG
Ilka


Fotos: Dietrich Eberle (3), sport4you (1)

 

Kommentare  

 
#7 Ilka Schröter 2015-06-11 12:36
haha, Dorit, ja, Juni 2016 steht schon bei mir im Kalender ;-) Vielleicht den halben BiMa dann als Vorbereitung? Erstmal bin ich aber froh, wenn ich überhaupt mal wieder laufen darf / kann. Die entzündete Sehne im Fuß braucht doch seeeehr lange...
 
 
#6 Dorit 2015-06-02 13:20
Toller Bericht, tolles Ergebnis!!! Ilka, in dir sehe ich endlich meine Laufpartnerin für den Brixen-Marathon . Musst aber oben auf der Plose etwas auf mich warten! ;-)
 
 
#5 Ilka Schröter 2015-05-13 09:47
hehe, der wusste davon noch nichts ;-)
 
 
#4 Hannes 2015-05-13 08:02
Das sind wirklich beeindruckende Bilder! Und 60 Kuchen - wie kommt es, dass Uwe noch nie mitgemacht hat?
 
 
#3 Sibylle Weymar 2015-05-12 10:16
Und vorher ins Konzert...am 11.08.zu Bad Religion? ;-)
 
 
#2 Ilka Schröter 2015-05-10 12:39
Prima! Sag Bescheid, dann können wir uns vorher zusammen schon mal durch die Harburger Berge schleppen
 
 
#1 Sibylle Weymar 2015-05-08 11:38
Wow, super Leistung! Respekt und Glückwunsch!
Ich habe mir für nächstes Jahr auch einen Landschafts-Mar athon vorgenommen...d en BiMa behalte ich auf jeden Fall mal im Hinterkopf...

LG
Sibylle
 

Ihr müsst euch anmelden, um Kommentare zu posten.

Zusätzliche Informationen